Montag, 7. Februar 2011
Fragen und Antworten eines lesenden Arbeiter I
Karl Valentin diktierte Liesl Karstadt mal einen Brief an einen Herr, den zu mögen er aufzugeben beabsichtigte. Also sagte er: "Schreibens: Sehr geehrter Herr. Nein, wartens, nicht geehrter, streichns des." Liesl Karstadt daraufhin: "Aber dann heisst es ja: Sehr Herr!" Valentin: "Und mehr ist diese Person auch nicht wert!" Und sehen sie, Herr Mourinho genau dieses gilt auch für sie:
Sehr Herr Mourinho,
Was genau wollten sie uns denn mit ihre bemerkenswerten Kleinod schöpferischen Unfugs kundtun? Dass Real Madrid heute so furchtbar grottet, weil sie dies schon seit Jahren tun? Dass sie nicht so klug sind, weil sie dumm sind? Dass sie nicht so viel essen können, weil sie die Jahre zuvor schon darbten? Dass sie nicht schwimmen können, weil das Wasser nur 1,65 tief ist? Ist`s womöglich aber auch nur ein dialektischer Versuch, ihr gähnend langweiliges Fussballverhinderungsleben in Legitimation zu pressen, die allerdings gar nicht nottut, da schließlich die Welt so prall gefüllt ist, mit Hornochsen wie ihresgleichen, die für richtig halten, was zu erzwingen sie sich jede Woche erdreisten. Wobei, der eigentliche Skandal ist doch, dass ihre diesbezüglichen "Leistungen" in der sogenannten Sportpresse verhandelt werden, und nicht in der ZIS (Zeitschrift für internationale Strafrechtsdogmatik), wo der Quark eigentlich hingehört.
Oder fehlen einfach die sonst üblichen Feinde? Schiedsrichter? Wetter? Sportdirektoren? Journalisten? Der Barca? Die Katalanen? Die Kommunisten? Und es war vielleicht nur ein schlecht getimetes Ausweichmanöver?
Nein! Sie sind im richtigen Verein. Ein Verein, der zumindest seit dem Sieg Francos über die gewählte republikanische Regierung, sich im Größenwahn verstiegen hat. Ein Verein, der genau wie die Herren Spaniens glaubten, dass ihnen die Welt gehört und ihnen zu Füßen liegt. Herren, die unter völligem
Realitätsverlust leiden. Männer, die die Republik angreifen, das Gute und Schöne in der Welt und im Menschen, und sich dann von den Freimaurern, Juden, Marxisten und Katalanen verfolgt fühlen. Männer, die niemals für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden wollen, und die Schuld bei anderen
suchen. Idioten wie sie.
Freitag, 31. Dezember 2010
Das unsichtbare Visier (I)
In meiner viel zu knappen Mittagspause, freut sich der mir Gegenübersitzende über die „investigativen Veröffentlichungen“ von Wikileaks im Sinne der Transparenzwerdung von Politik im Allgemeinen“. Zudem feierte er die erfreuliche Tatsache, dass sich die arabische Welt in ihrer Ablehnung des "Irren von Teheran" (FAZ, Bild und alle anderen) weder hinter Israel noch den USA zu verstecken raucht. Dies sei nicht nur ein Riesenjux, lang ersehnte Genugtuung nebst Bestätigung für Israel, sondern vermag demnach die politische Ordnung im Nahen Osten vielleicht sogar gehörig durcheinander zu bringen. Naja. Um Missverständnissen vorzubeugen. Mein Gegenüber formuliert üblicherweise von mir hochgeschätzte, vernünftige Kritik an den herrschenden Verhältnissen.
Soweit so gut, der subversive Witz liegt auf der Hand, warum nicht darüber lächeln, in der so knapp bemessenen Mittagspause. Und dennoch. Es muss drauf bestanden werden, dass es letztlich doch nur boulevardesker Kram ist, der sich da zum Rang einer Nachricht erhebt. Oder? Bei aller Peinlichkeit, aber wo genau liegt das Verbrechen verborgen, wenn schlecht aussehende Junggebliebenliberale mit knödelfliegen in ihrer unbegrenzten Liebe zu "Amerika" (Kohl und Metzner)) nichts anderes tun, als hinter dem Rücken ihrer Vorgesetzten über diese und vor allem deren politischer Unbedarftheiten zu lästern?
Wo liegt das Vergehen? Im Krieg gegen die sozial Schwachen, der sich in ganz Europa austobt? Mit einer Sozialdemokratie an der Spitze, die dabei ist, völlig geschichtsvergessen und ohne Not nicht nur nicht den per se inhumanen Charakter von zeitgenössischer Politik unterm Joche rasend rücksichtsloser Kapitalverwertung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen oder wenigstens bloßzustellen. Stattdessen forciert sie diesen Wahnsinn mit dem Raub der nur schwer errungenen Restbürgerlichkeit durch die faktische Entwertung des bürgerlichen Notstandes, wie aktuell in Spanien zu besichtigen. Dass sich die spanische Regierung damit der Zustimmung größerer Teile der Bevölkerung erfreuen kann, zeigt noch deutlicher den Verrat, als den Opportunismus an die Masse.
Welche Bedeutung hat angesichts dieser Verwerfungen das Statement belangloser Staatsdiener, Hinterbänkler und meinetwegen auch ernstzunehmender Regierender über ihresgleichen und ihre charakterlichen Zuschreibungen.
Geschenkt.
Jetzt fällt es natürlich schwer, dieser "Revolte im Netz" (sueddeutsche) jegliche Sympathie zu verweigern. Aber das erspart nicht die Kritik. Denn die Veröffentlichungen folgen der Logik der Medien-Kamarilla. Dies gilt für das Material, wie für den Zeitpunkt der Veröffentlichung gleichermaßen. Gleichwohl es ein Zeichen für die intellektuelle Verrohung unserer Zeit ist: es scheint offensichtlich ein beträchtlicher, bis dato unbekannter Skandal zu sein, dass im Krieg Zivilisten ermordet werden, Menschen völlig enthemmt und entmenscht entweder Befehle erteilen oder welche ausführen, unter Preisgabe jeglicher Humanität, oder gar aus eigenem „Antrieb“ Grausamkeiten begehen. Im Westen was Neues? Und jetzt? Kein bisschen zynisch bleibt zu fragen, welcher Nutzen sich für die "Guten" jetzt ergibt. Ich kann ihn nicht einmal im Politischen erkennen. Der Krieg bleibt. Die Nachricht über Kriegsverbrechen auch. Auch wenn direkter Nutzen nicht immer Indikator klugen Handelns sein muss, die Logik von Wikileads folgt der Logik des
Skandals. Information und Aufklärung wird der Sensation geopfert. Denn sonst müsste die Adresse der veröffentlichten Dokumente und Nachrichten eine bürgerliche Generalstaatsanwaltschaft sein. Erst wenn diese versagt, muss alternatives Handeln erfolgen. Doch diesen Versuch gab es nicht. Aber was genau ist die Konsequenz, die sich daraus ergibt? Soll die etwas schrullige Brotfachverkäuferin bei mir um die Ecke mit ihrem jetzt erworbenem Wissen tätig werden? Und wenn ja, wie?
Widerstand im Internet ist nichts per se Kluges und Richtiges. Wieso sollte sich das Internet von der Straße unterscheiden? Nicht jede Angestellte, die aus Wut über eine ausgebliebene Gehaltserhöhung die privaten E-Mails ihres Chefs herum schickt, muss für Rosa Luxemburg gehalten werden. Sie könnte auch Leserreporterin bei der Bildzeitung sein.
Selbst wenn wir derlei Aktionen unter Sabotage verbuchen, schiene mir das, sagen wir, Entern und Bereinigen eines Abschiebecomputers der Ausländerbehörde sinnvoller als die doch eher kindische Dumm-Freude an der Denunzierung irgendwelcher Botschafter.
Aber neben der ewig öden Frage, ob das Internet nun Fluch oder Segen sei(die schon deswegen öde ist, weil das Internet selbst im Fall, es würde als Fluch gekennzeichnet, ja deshalb nicht abgeschaltet würde, es ist, wie der quälende Stoffwechsel, nun mal da), gibt es ja auch noch Fragen von wirklicher Dringlichkeit:
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z.B. was uns Wenige, die über geblieben sind und sowohl olle Heym als auch Menotti (wenigstens teilweise) schätzen, daran hindert, diesem ekeligen, widerwärtigen, fratzenziehenden Dummdödel von Ronaldo einfach mal veritabel eine in die Fresse zu hauen, um uns dann, vom Blutenden desinteressiert abgewandt mit dem Lobpreisen des Barca zu begnügen.
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z. B. was diese elende Pflicht zum Schneeschaufeln soll, wo doch alle Welt aus Erfahrung weiß, dass es sich auf ein bisschen Schnee viel sicherer und angenehmer wandern lässt als auf den überfrorenen Schneeresten, die bei 90 Prozent aller Schneeschippbemühungen zuverlässig liegenbleiben (gestern Nachmittag wär ich auf dem Weg Bahnhof deswegen fast zweimal hingeschlagen!).
Samstag, 3. Juli 2010
Montag, 14. Juni 2010
Mittwoch, 21. April 2010
Donnerstag, 11. Juni 2009
Montag, 18. Mai 2009
Luther Blisset wird es dem Barca nicht verübeln.
24. September 1983: Der FC Barcelona und Athletic Bilbao spielen um die Copa del Rey. Nach einer Stunde Spielzeit, der Barca führt 2:0, der Ball fliegt aus Barças Strafraum in Richtung Mittellinie. Diego Armando Maradona spitzelte gerade noch den Ball zum Mitspieler, als in seinem Rücken Andoni Goikoetxea, das Bein ausstreckt, zu jenem Foul heranberserkt, von dem noch Jahre später viele immer wieder behaupten, es sei das furchtbarste Foul der Geschichte des Fußballs.
Maradona wird später sagen: „Ich spürte den Schlag, ich hörte das Geräusch wie das eines Holzes, das bricht“.
Als Maradona vom Platz getragen wird, ist es im Stadion totenstill. Maradona guckt in die Barceloneser Nacht, vom Schmerz betäubt und mit der Ungewissheit, was das alles jetzt bedeutet. Er wollte nur Fußball spielen. Seine Hände liegen über der wärmenden Decke.
Das medizinische Gutachten verhieß das Ende der Karriere eines der begnadetsten Fußballer aller Zeiten. Zertrümmerter Knochenhöcker am Wadenbein, das Außenband ist durchtrennt, das Fußgelenk ausgekugelt.
César Luis Menotti hat geweint, spricht in 60 Minuten Pressekonferenz nicht einmal über das Spiel oder das Ergebnis. Er referiert über Gewalt im Fußball. Oder besser: er fragt, was da passiert, ruft nach einer übergeordneten Ordnung: „Muss denn erst jemand sterben, ehe jemand etwas tut?“
Üble Fouls gehören leider immer wieder zur Geschichte des Fußballs. Nicht alle davon geschahen in grober Absicht. Als Rüdiger Schnuphase wie tot am Pfosten von Sparta Rotterdam lag, kam es zu Gewaltausbrüchen Jenaer Fans gegen den Mannschaftsbus der Rotterdamer. Die Bilder der Situation zeigen aber, dass dem Verteidiger keine Absicht zu unterstellen war. Und dennoch lag eine große Karriere in Trümmern.
Die Geschichte des Fouls von Goikoetxea ist eine andere. Sie war Konzept, blutiger Wille. Menotti: „Er gehört der Rasse der Antifußballer an.“ Und gleich noch mal: „Sie fressen nur, um zu scheißen.“
Man muss wahrlich kein Freund von Eduardo Galeano sein, aber dass seine These vom „vorsätzlichen Totschlag“ nicht mal juristisch geprüft wurde, ist ein Skandal.
Und na klar, öde Männlichkeitsformen gehören zum Fußball aller Tage. Oder zu dem, was für Fußball gehalten wird. Wenn Ronaldo in erbärmlichen Posen vor Freistößen sein Gemächt über dem Rasen lüftet, wünscht man sich ein Katapult zur Hand, etwas Treffsicherheit und rückwirkend eine Eintrittskarte zum entsprechenden Spiel. Geschenkt. Ihm bei seinen Verrichtungen zusehen zu müssen, verletzt unsere Sinne und übersteigt unsere Leidensfähigkeit, gewiss. Aber Ronaldo hat noch nicht versucht zu töten.
Aber es war nie nur die Frage einer vereinzelten Aktion. Es ist der historische Kontext, in dem sich alles vollzieht, die fußballerischen, politischen, soziokulturellen Zusammenhänge. Das Spiel Barcelona gegen Athletic war damals auch das Aufeinanderprallen konträrer Stilmittel und Konzeptionen: Hier der Boheme, Schöngeist und Revolutionär Menotti mit seinem linkem Diskurs, der dem damaligen Barca-Präsident Nunez auf die Frage, ob man nicht zu weich spiele, empört zurückschlonzte: „Holen Sie doch elf Boxer!“ Dort das an Soldaten-, Arbeiter- und damit eben an Männlichkeitsethos gemahnende Schlachtgeheul von Clemente: „Andoni war halt so. Der hat auch im Training zugelangt. Ohne böse Hintergedanken. Was meinst du, was ich für Tritte bekommen habe? Und wir waren, sind Freunde!“
Spanien selbst durchlebt eine politisierte Zeit. Acht Jahre zuvor hat Cruyff Franco erlegt. Barca und Athletic haben auf dem Fußballplatz eine Dominanz erlangt, von der sie mit Recht annehmen, dass diese unter dem Joch der Diktatur verhindert wurde. Athletic und Barca waren, mit dem Schriftsteller Montalban gesprochen, zu „symbolischen Heeren an den Rändern Spaniens“ geworden.
Vier Tage nach dem Mordversuch an Maradona schnürt Goikoetxea wieder dieselben Schuhe, mit denen er Maradonas Knöchel zertrümmert hatte und macht im Uefa-Pokal das Spiel seines Lebens und ein Tor. Die Kameraden tragen ihn auf Schultern vom Platz. „Ich habe den Aufschrei des baskischen Volkes gehört.“ So badet es sich eben in Volkes Mitte.
Dazu gibt es nicht weiter zu sagen.
13. Mai 2009: Eine entfesselte, ein geradezu irrwitzig aufspielende, von Verletzungssorgen gebeutelte Auswahl des FC Barcelona blamiert das mit großen Hoffnungen auf einen Titel nach Valencia angereiste Team von Athletic Bilbao. Das Ergebnis ist dabei völlig irrelevant. Das „Handbuch der Kommunikationsguerilla“ muss nach diesem Spiel neu geschrieben werden, wenn noch stimmt, dass der Pass beim Fußball Kommunikation (Brecht) ist. Luther Blisset wird es dem Barca nicht verübeln. Traurig ist nur, das die Zehntausende die in Barcelona nach jedem Titel auf der Strasse sind Luther Blisset nicht kennen.
13. Mai 2009: Auf den Tag genau 25 Jahre ist es her, als der Weltfußball Abschied nahm. Johann Cruyff beendete seine atemberaubende Karriere, nicht so sehr der Titel wegen, sondern der Leichtigkeit und der revolutionären Phantasie wegen, mit der er den Fußball neu erfand. Er wurde zum Henker von Franco, wenngleich es zum hängen des Systems allein nicht reichte.
Donnerstag, 7. Mai 2009
Geschüttelt nicht gerührt II
Aber während die Hinterzimmer verwaist vor sich hin stauben, und sich hin und wieder nur das Gekrächze eines Kolkraben erahnen lässt, quakt es aus Sakralbauten, die ungefähr genauso aussehen, wie sie sich anhören: Sakralbauten. Schlimm Schlimm! Aber noch immer nicht die Krone der Idiotie!
Neben den religiösen Verwerfungen kommt es aber darüber hinaus in meinem Alltag immer wieder zu öffentlich geäußertem quasireligiösen Unfug. Dieser richtet sich dann mit aller Verachtung gegen Nichtdummes, Brauchbares und manchmal Wertvolles.
Zum Beispiel gegen die "Schulmedizin". Sein Arzt sei so ein furchtbarer Schulmediziner, sagte neulich unaufgefordert ein Nachbar zu mir. Ich wollte durch hastiges Vorbeieilen dem Malheur widerlichster Kommunikation entgehen, aber der Volksmund war schneller: „Ich wünsche mir jemanden, der einen ganzheitlichen Ansatz hat und mich natürlich behandelt.“
Wie durch ein Wunder erbrach ich mich nicht im Treppenhaus. Ich erfuhr, dass man Antidepressiva in Kreisen der Naturtypen wie mein Nachbar einer zu sein scheint, nur noch als "Psycho-Hammer" kennt. Wird jemandem im Krankenwagen, im Krankenhaus oder in der Notaufnahme das Leben gerettet, "hängt er an Schläuchen und Kabeln", obwohl die Patienten dort in der Regel liegend untergebracht sind. Und eine Operation ist natürlich nicht deshalb nötig, weil sie Hilfe für die Erkrankten bringt, sondern nur, "weil Ärzte operieren und ihren Katalog vollbekommen müssen". Was denn für einen Katalog? Und ist ein Katalog nicht von Anfang an „voll“?
Dass dieses noch nicht das Ende eines erbärmlichen Gespräches ist, weiß jeder, der in der BRD Nachbarn, Kollegen oder Mitfahrer im öffentlichen Nahverkehr hat. Zur religiösen Ersatzhandlung wird das Einführen „pflanzlicher Arzneimittel,“ und der Hohepriester der ganzheitlichen Gesundheit überreicht das Kraut wie eine Hostie.
Obwohl Johanniskraut, Baldrian und Baldrian längst millionenfach über den Apothekentresen gehen und industriell gefertigt und abgepackt werden, bleibt beim Käufer die Illusion, eine Kräuterhexe, ein Druide oder das Dalai Lama habe das heilige Kraut persönlich für sie mit der Sichel von Stängel oder Stamm geköpft und naturtrüb in Ampulle oder Tablette gepresst.
Manchmal möchte man diesen Graswurzelfaschisten einen pharmakologischen Anfängerkurs an den Hals wünschen, in dem sie erfahren, was die garstige Schulmedizin für Pfeile im Köcher hat. Es reicht auch der Blick ins Internet, hier kurz ein paar schnell recherchierte Ergebnisse:
Acetylsalicylsäure, wird von der aus anderen Gründen mafiösen Pharmaindustrie als Aspirin in den Apotheken dieser Welt verhökert.
Die meisten Antibiotika stammen aus Pilzen. Die Eibe, quasi Natur pur, liefert Taxane, mit der die Schulmedizin recht erfolgreich verschiedene Krebserkranken bekämpft, im Fingerhut befindet sich Zeuchs, welches bei Herzerkrankungen eingesetzt wird: von der Schulmedizin.
Der Homöopath auf seiner naturbelassenen Scholle dagegen erscheint im Zweifel im bunteren Stoff und mit jauchiger Stimme. Und sonst? Bunte Naturpillen vollgepropft mit Naturstoffen wie Arsen, Blei, giftige Metalle, oder ein Kraut namens, ein Dank dem Weltgeist, Brechnuss, welches Strychnin enthält.
Mein Nachbar antwortet gekonnt: „Die Verdünnung bei den Naturburschen ist so groß, dass eh kein Molekül mehr in den Kügelchen enthalten ist.“ Aber es ist grausamer Schwachsinn: Es kam schon zu Strychninvergiftungen, weil die Verdünnung zu niedrig ausgefallen war. Und mal ganz ehrlich, wenn eh kein Molekül mehr im Kügelchen ist, für was denn dann der ganze Zinnober?
Die Sehnsucht des Volkes zum Natürlichen ist da ungebrochen, wo Vernunft sich dem Gefühl zu beugen hat. Gekreuzt mit dem Verdacht gegen alles industriell und entfremdet Hergestelltem, halt jenem Gegenpol zum schollenbäuerlich und arbeitsdumm von Frühbisspäterzeugtem, ergibt sich die grauenvolle Subtanz, die unter dem begriff des „Volksdeutschen“ firmiert.
Wozu gibt’s eigentlich Hinterzimmer?
Montag, 19. Januar 2009
Geschüttelt nicht gerührt
Die hat Mama auf Vorrat in der Handtasche immer griffbereit – bei kleinen Alltagswehwehchen helfen sie bestens. Was sich unsere tapfere deutsche Mutter im Feldzug gegen Bayer&Co nie gefragt hat, ist erstens die genaue Wirkungsweise von homöopathischen Medikamenten und zweitens die Notwendigkeit der medizinischen Behandlung von Alltagswehwehchen. Für alle, die's nicht wissen: Homöopathie bedeutet die Verschüttelung einer pflanzlichen oder tierischen „Ursubstanz“ mit Alkohol (oder anderen Trägerstoffen), wobei sie dermaßen stark verdünnt wird (= “Potenzierung“), dass kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar ist. Die „heilende Information“ (Vorsicht: jetzt wird’s esoterisch) wird dabei auf den Trägerstoff übertragen, aber halt nur so rein energetisch und nicht materiell. Deswegen ist es auch wichtig, dass die Verschüttelungsarbeit per Hand und nur von einem Eingeweihten geleistet wird. Wer's also richtig ernst meint, darf nicht die Billighomöopathie von der Stange kaufen (am Ende wurden die nämlich nur von kalten toten Maschinen verschüttelt), sondern muss sein Mittelchen frisch und maßgeschneidert herstellen lassen. Das kostet etwas mehr, aber die Heilenergie wird ja mitgeliefert und selbstverständlich verdient fast niemand etwas dran.
Wenden wir uns noch mal dem Schnupfen und anderen Alltagswehwehchen zu: Solche Krankheiten müssen eigentlich gar nicht behandelt werden! Die kindlichen Abwehrkräfte reichen völlig aus, um allein damit fertig zu werden, und die süßen Kügelchen (fürs Kind gibt es selbstverständlich keinen Alk, sondern Arznei auf Zuckerbasis) sind genauso potent wie eine Liebesperle: ihr nicht zu unterschätzender Effekt heißt Placebo, und keine homöopathischer Wirkungsweise konnte jemals über den Placeboeffekt hinaus belegt werden. Ist doch klar, antworten alle Hardcorehomöopathen: die Pharmaindustrie finanziert keine entsprechenden Studien! Das ist eine Lüge: seit den 90er Jahren wurden einige repräsentative Studien durchgeführt die immer wieder nur die Placebowirkung bestätigen konnten: bis zu 70 Prozent der placebobehandelten PatientInnen berichten über gute Heileffekte des „Medikaments“ ohne Wirkstoffe, die Genesungsrate ist mit oder ohne Verschüttelung dieselbe - 90 Prozent der Krankheiten verschwinden „von selbst“ wieder!
Bild: Die Homöopathie geht ohne Umstände in der nationalsozialistischen „Neuen deutsche Heilkunde“ auf und wirkt an der Gesundung des deutschen Volkskörpers mit. Hier gefeiert wird Samuel Hahnemann, der Begründer der 200 Jahre alten Homöopathie.
Den aufkommenden Brechreiz bekämpfe ich lieber mit Vomex als mit homöopathischen Kügelchen.
Dienstag, 2. Dezember 2008
"If i can`t see the Frank on the bench, I don`t want to be in your revolution" oder die "Frank-Barca-Lüge"
Nachdem der Barca schon sehr oft in seiner Geschichte selbige geschrieben hat und sowohl im Politischen als auch im Fußballerischen den zivilisatorischen Fortschritt markierte (Rückschläge und Fehlentwicklungen eingeschlossen), hat der Barca unter Frank Rijkaard eine nie da gewesene Stufe der Entwicklung erreicht – ja quasi den Fußball vom Kopf auf die Füße gestellt.
Nun gab es damit allerdings ein Problem. In den fünf Jahren gewann der Barca nur zwei Ligen und eine Champions League – brillant in den Jahren 2005 und 2006 - die letzten beiden Jahre blieben titellos.
Ganz ehrlich: Klar ist nach all den verlorenen Jahren von Faschismus, Krieg und Real-Meisterschaften (also alles zusammen in diesem Fall) der Wunsch groß, endlich die Titel zu holen.
Dass die vereinigten Reaktionäre aller Länder dies durchkreuzen, indem sie die zarte Pflanze des Hedonismus zerstören, nachdem diese nur einen Sommer blühte, ist auch klar. ABER: was bleibt sind die Menschen und ihre Entwicklung, ihre Entfaltung, oder deren Begrenzung. Und dass Messi im November 2008 ein Interview im Kicker gibt, das voll kaum versteckter Achtung zu Frank schier überschäumt ist deshalb auch kein Zufall. Es ist der kurze Sommer – 17. Mai 2006, Gewinn der CL in Paris, ja in Paris - der wahrhaften, weil sich der Maschinerie der geschmacklosen Ergebnisheinis, brutalen Logik der Unterordnung und Gewalt widersetzenden, Anarchie, den wir ob seiner Kürze beklagen und manchmal übersehen, wie lange er doch Wirkung hatte.
Nur vergleichbar zum Mythos Johann, den wir nie haben spielen sehen, der aber Real Madrid in jenem Herbst 1974 in Madrid mit 0:5 geschlagen hat und wie immer in der Halbzeit und nach dem Spiel eine Camel ohne Filter geraucht hat. Apropos Drogen: ich springe zurück zum Frank, der mehr als einmal mit der Bierdose im Teambus gesehen wurde und der von den Supps durchaus auch mal mit einem Transpi “You'll never smoke alone” begrüßt wurde.
Und deshalb ist die Frage: Was wollen wir? Titel ohne Revolution, oder nur in ihren übriggebliebenen Versatzstücken (Xavi, Messi, Iniesta, Etoo, Henry, Pujol, Bojan)? Oder nehmen wir die aktuellen Niederlagen (es sind die Siege nach Punkten) mit Guardiola hin, in dem Wissen, erlebt zu haben, Zeuge geworden zu sein, dass gehen kann, von dem die, sie seien noch mal zitiert, vereinigten Reaktionäre aller Länder, behaupten, dass es eben nicht geht.
Dass Guardiola wie ein billiges Abziehbild des einst so wenig beliebten Jose Mourinho (damals beim Chelsea FC) wirkt, gerät zur Randgeschichte, genau wie die Ereignisse der letzten fünf Jahre. Dass heute fast alle Spieler die Arbeitsmethoden und die Disziplin von Guardiola bevorzugen beweist nur, dass sie für die Freiheit noch nicht ganz so reif waren wie es schien. Dass Franks Barca ob der Resultate vom Guardiola immer weiter zurückgedrängt wird, bedeutet, dass wir irgendwann von der „Frank-Barca-Lüge“ reden werden müssen.

